09.03.2017

Erfurter Ursulinen ziehen um

Abschied nach 350 Jahren

1667 kamen die Ursulinen nach Erfurt. Bis zu 60 Schwestern lebten im Kloster mitten in der Innenstadt. Heute zählt der Konvent nur noch neun Ursulinen. Sie ziehen jetzt in ein neues Gebäude.

Fototermin im Refektorium: Der kleine Konvent der Erfurter Ursulinen (zwei Schwestern waren nicht anwesend).  | Foto: Matthias Holluba

Als Schwester Katharina vor 60 Jahren in das Erfurter Ursulinenkloster eingetreten ist, lebten hier rund 50 Schwestern. Heute ist der Konvent klein geworden: Nur noch neun Schwestern sind in dem alten  Kloster in der Erfurter Innenstadt zuhause. Es fehlt Nachwuchs. Das zeigt auch die Überalterung: Die jüngste Erfurter Ursuline ist 57 Jahre alt.
Bis jetzt leben sie in dem Kloster, das die Ursulinen vor 350 Jahren bezogen haben, als sie 1667 in die Stadt kamen. Am 25. September soll das gefeiert werden. Doch bis dahin steht eine erhebliche Veränderung für die Schwestern an. Denn in diesen Tagen beziehen sie ein neues Klostergebäude. Direkt gegenüber dem alten Kloster ist ein modernes, alten- und behindertengerechtes Gebäude entstanden. 

Neubau direkt neben dem alten Kloster
Ursprünglich sollte das neue Klostergebäude im alten Rektorenhaus entstehen. Das aber erwies sich als so baufällig, dass an seine Stelle nun ein Neubau trat. Die Gesamtkosten für alle notwendigen Arbeiten belaufen sich nach Angaben von Dombaumeister Andreas Gold, dem Leiter des Bischöflichen Bauamtes, auf rund 2,7 Millionen Euro. Von Anfang an waren die Schwestern in die Planungen einbezogen. Der Neubau ist allerdings so angelegt, dass er später einmal vom Bistum genutzt werden kann, wenn es für den Orden keinen Bedarf mehr geben sollte. Von ihrem bisherigen Kloster werden die Schwestern zwei Räume weiter nutzen: das Besucherzimmer und das Chörchen (die Kapelle). Alle anderen Räume werden künftig von der Diözesancaritas genutzt.
„Ich freue mich auf den Neuanfang“, sagt Schwester Angela, die Oberin der Ursulinen, aber: „Es ist ein Neuanfang mit Wehmut.“  Das alte Kloster zu verlassen, fällt nicht leicht. Jeder Raum hier atmet Geschichte. Im Besucherzimmer etwa finden sich noch zahlreiche Gegenstände aus der Anfangszeit der Ursulinen oder auch ein Stuhl, auf dem der spätere Papst Pius XII. gesessen hat, als er das Kloster während seiner Zeit als Nuntius in Deutschland besuchte. Auf einem anderen Stuhl in der Bibliothek soll die heilige Elisabeth gesessen haben, um durch ein Fenster der Feier der heiligen Messe in der Klosterkirche beizuwohnen. Lange vor den Ursulinen wurde das Gebäude als Kloster genutzt: ab 1136 von Augustiner-Chorfrauen und ab etwa 1200 von Magdalenerinnen. Aus dieser Zeit stammen die wertvollsten Gegenstände: eine Pieta (1340) und der Magdalenenteppich (15. Jahrhundert).
Einen solchen Ort verlässt man nicht einfach, auch wenn sich die Lebensbedingungen nach dem Umzug deutlich verbessern werden. „Aber der Abschied ist notwendig und wir müssen uns ihm stellen“, hat sich Schwester Katharina gesagt. Sie trug 27 Jahre als Oberin die Verantwortung. Nun ist sie mit über 80 Jahren die älteste der Erfurter Ursulinen.

Mit einer Liturgie Abschied genommen
Ihre Idee war eine Abschiedsliturgie: Einen ganzen Nachmittag haben sich die Schwestern Zeit genommen, um in den wichtigsten Räumen ihres Klosters zu beten, zu meditieren und in Stille den eigenen Gedanken nachzugehen. Erste Station war der Gemeinschaftsraum, in dem viele Entscheidungen gefällt wurden – wie 1938 als es galt, eine neuen Kommunität in Peru aufzubauen. Im Oberinnenzimmer wurde an die rund 50 Frauen erinnert, die im Laufe der Jahrhunderte unter verschiedendsten Bedingungen die Verantwortung trugen. In der Bibliothek standen die Menschen im Mittelpunkt, um die sich die Ursulinen als Erzieherinnen gekümmert haben, denn das war ihre Hauptaufgabe – sei es in der allgemeinbildenden Schule, die ihnen bis in die Nazizeit gehörte oder später zu DDR-Zeiten in der Kindergärtnerinnen-Ausbildung. Zum Abschluss versammelten sich die Schwestern im Chörchen zur Vesper. Hier wurden dann die Namen aller Ursulinen verlesen, die jemals im Kloster gelebt haben – über 250. „Das war ein sehr bewegender Moment“, sagt Schwester Katharina. „Nun können wir loslassen und Neues beginnen.“

Meinung: Abschiedsliturgie
Wenn der Rückgang der Katholikenzahlen anhält, wird sich die Kirche in den kommenden Jahren von manchem verabschieden müssen. Dann heißt es: abreissen oder verkaufen, bestenfalls anders nutzen. Etwas, was lange Zeit Menschen wichtig war, wird nicht mehr gebraucht. Ein solcher Abschied geht nicht ohne Trauer. Damit Neues, Anderes werden kann, heißt es auch, in Würde Abschied nehmen. Die Erfurter Ursulinen haben ihr 350 Jahre altes Kloster aufgegeben. Doch ehe sie in neue Räume umgezogen sind, haben sie sich Zeit genommen für den Abschied und die Trauer. Mit einer selbst entwickelten Liturgie haben sie die wichtigen Orte ihres Kloster aufgesucht, haben meditiert, gebetet und bedacht, was im Laufe der Jahre hier geschehen ist. Ich finde: Eine Idee, die Schule machen sollte.

Von Matthias Holluba