02.02.2017

Kontroverse Positionen in der Kirche

Bedrohliche Meinungsvielfalt?

Wie kann man verhindern, dass kontroverse politische Positionen in der Kirche zu Spaltungen führen? Der Diözesanrat ist ein Übungsfeld. Ein Gespräch mit den Vorstandsmitgliedern Nikolaus Legutke, Elke Herrmann und Stephan Pschera.

Stephan Pschera und Nikolaus Legutke.im Gespräch. Elke Herrmann war am Telefon dabei.

Politik wird gerade spannender als sie es noch vor einigen Jahren war. Eine der Aufgaben des Diözesanrates ist es, die Stimme der katholischen Laien in die Gesellschaft einzubringen. Erhalten Sie angesichts der veränderten Grundstimmung im Land mehr Reaktionen auf Ihre öffentlichen Stellungnahmen?

Legutke: Ja. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der Diözesanrat vor zehn Jahren Stellung bezog, als eine Gruppe von Indern durch Mügeln gejagt wurde. Wir brachten damals in einem offenen Brief an den Bürgermeister unsere Sorge über den wachsenden Rassismus zum Ausdruck und erhielten darauf keinerlei Reaktion. Als wir uns jüngst von den Beleidigungen distanzierten, mit denen Pegida-Sympathisanten am 3. Oktober in Dresden Politiker und auch dunkelhäutige Diplomaten überhäuften, gab es eine Reihe vehementer Reaktionen von Katholiken aus dem Bistum.

Sie deuten an, dass es nicht nur mehr, sondern auch heftigere und kontroversere Reaktionen gab als erwartet. Hat sich das Meinungsspektrum in Gesellschaft und Kirche erweitert?

Legutke: Auf jeden Fall, es kann nicht anders sein, der Pluralismus in der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Kirche wider.

Herrmann: Ich finde nicht, dass das Spektrum wesentlich weiter geworden ist. Die Fragen, denen sich die Gesellschaft stellen muss, sind vielfältiger geworden, und das führt zu Verunsicherungen. In dieser Situation fühlen sich mehr Menschen berufen, sich öffentlich zu äußern. Das fordert auch die Christen heraus, Stellung zu beziehen, gegenwärtig insbesondere beim Thema Zuwanderung.

In vielen Fragen können Christen politisch zu unterschiedlichen Positionen kommen. Wo liegt für Sie die Grenze christlicher Meinungsvielfalt?

Legutke: Ich sehe die Grenze da, wo die Würde von Menschen anderer Nation, Kultur, anderen Glaubens angegriffen wird. Parteiprogramme dürfen Menschen weder beleidigen noch bedrohen noch ausgrenzen. Unser Wertekatalog sind das Grundgesetz und die Aussagen der Heiligen Schrift.

Was haben Christen in die Gesellschaft einzubringen? Darum geht es auch bei Katholikentagen.

Sind die Parteiprogramme alleiniger Maßstab oder sollte nicht ebenso aufmerksam beobachtet werden, was Politiker im Alltag so äußern?

Pschera: Das Alltagsgeschäft ist viel wichtiger. Programme kann ich weichspülen. Wenn im politischen Alltag zu Hass und Menschenverachtung aufgerufen wird, müssen wir genauso wachsam sein.

Herrmann: Wenn man die Programme aufmerksam liest, erkennt man aber auch dort bereits, welches Menschenbild vertreten wird und an welchen Punkten die Diskussion zu führen ist.

Welche Haltung wird zum Beispiel Menschen entgegengebracht, die aus anderen Ländern zu uns kommen? Wie ist das Demokratieverständnis, die Offenheit für Meinungspluralität in der Gesellschaft?
Sie stehen selbst verschiedenen Parteien nahe, Herr Legutke der SPD, Frau Herrmann den Grünen, Herr Pschera ehemals den Piraten. Welche Partei ist für Christen nicht wählbar?

Pschera: Das Christentum ermöglicht eine relativ weite Bandbreite an politischen Meinungen. Ich möchte mir nicht anmaßen, jemandem das Christsein abzusprechen, weil er eine andere Position als ich vertritt. Das wichtigste scheint mir das Bemühen zu verstehen, was der andere wirklich meint. Zum Glück habe ich nie erlebt, dass mir ein hasserfüllter Mensch gegenüberstand, der sich als Christ bezeichnet. Aber selbst in einer solchen Situation hielte ich es für richtig, Urteile über dessen Christsein  dem Heiligen Geist zu überlassen.

Herrmann: Es ist nicht unsere Aufgabe, Christen zu sagen, was sie wählen sollen. Wir wollen in erster Linie zur Orientierung beitragen. Das gilt auch für unsere Diskussionen im Diözesanrat. Wenn wir in einer Frage einen Konsens finden, ist das gut. Ansonsten dient die Diskussion dazu, Orientierung zu bieten. Dazu gehört die Anerkennung verschiedener Positionen und eine Offenheit, die eigene Position nicht zu zementieren, sondern sie auch korrigieren zu lassen. Inwieweit wir bereit sind, andere Ideen aufzugreifen, ist immer auch eine Anfrage an uns.

Ist es dem Diözesanrat gelungen, in diesem Sinne Dialog in der Kirche zu fördern?

Pschera: Zunächst einmal haben wir einiges dafür getan, Dialog innerhalb des Diözesanrats zu verbessern, so dass es breitere Diskussionen gibt und wir schneller auf aktuelle Themen reagieren können. Dazu tragen unter anderem Mailinglisten bei, über die wir mehr Ratsmitglieder einbeziehen können.
Wenn ich mir anschaue, wie wir miteinander umgehen: Da entspricht sicher nicht immer alles der christlichen Nächstenliebe, aber bei uns gibt es keinesfalls so harte Ausfälle wie zum Beispiel vielerorts in Bürgerversammlungen zu erleben ist. Man merkt, dass Daueraufgeregtheit nicht zu christlicher Gelassenheit passt.

Legutke: Auch bei uns fehlt es aber zuweilen an Achtung und Respekt sowohl vor dem Amt als auch vor dem einzelnen Menschen.
Es gibt durchaus aktive Gemeinden, die ihren christlichen Auftrag zur Mitgestaltung der Gesellschaft ernst nehmen,  es gibt aber auch Gemeinden, die Auseinandersetzungen scheuen.
Das wurde etwa deutlich, als wir auf die erwähnten harten Anwürfe nach unserer Stellungnahme zum 3. Oktober geantwortet haben. Mit unserem Angebot, zur Diskussion in die Gemeinde zu kommen, war der Schriftverkehr beendet.

Herrmann: Alles in allem denke ich schon, dass der Diözesanrat für Gemeinden inspirierend sein kann in der Art und Weise, wie Diskussionen geführt werden können, in einer zugewandten, freundlichen Weise, ohne Anwürfe gegen Personen. Die Gemeinden zu beraten und konkret zu unterstützen, zählt ja zu unseren Aufgaben. Wenn in einer Gemeinde schwierige Diskussionen anstehen, können wir zum Beispiel Referenten vermitteln oder Moderatoren.
Hilfreich können vieleicht auch einige Tipps für die Veranstaltungsleitung sein: Zu einer konstruktiven Diskussion trägt bei, das Thema vorneweg klar zu benennen und Grenzen aufzuzeigen und sie dann auch zu verteidigen. Ausländerfeindliche Äußerungen beispielsweise müssen absolut indiskutabel sein.
Für mich persönlich ist das Bibelwort „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ eine wichtige Richtschnur für mein Verhalten in den Vollversammlungen. Ich frage mich immer wieder: Wie würde Jesus diese Diskussion jetzt erleben? Wie würde er eingreifen? Dass wir dies auch gemeinsam immer wieder tun, gibt mir Hoffnung, auch für die Zukunft.

Interview: Dorothee Wanzek

Meinung: Auge in Auge
Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Nicht die Meinungsvielfalt im allgemeinen bereitet der Kirche zurzeit Probleme, sondern mangelnde Dialogbereitschaft am rechten Rand. Wenn ich mit Pegida-Sympathisanten persönlich rede, stoße ich meistens auf Verletzungen: Irgendwann haben Vertreter der Kirche ihnen nicht zugehört. Sie fühlten sich ungerechtfertigt als Neonazis abqualifiziert ... Solche Erlebnisse rechtfertigen in keinem Fall menschenverachtendes Verhalten und Reden, wie auch wir als Tag des Herrn-Redaktion es schon erleben mussten. Dennoch gilt es, niemanden aus dem Blick zu verlieren, immer neu zu versuchen, einander zu verstehen. Mit manchen gelingt das wohl nur Auge in Auge, ohne Podium und Publikum.