09.03.2017

Anstoß 10/2017

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde

Mitten in der Magdeburger Innenstadt gibt es ein Uhrengeschäft. Draußen hängt eine übergroße goldene Uhr und – mehr macht sie nicht. Kein Ticken, kein Zeigerbewegen.

Seit Monaten, vielleicht schon seit Jahren, steht sie. Der Laden sieht dabei überhaupt nicht so aus, als ob hier nur billige Uhren verschachert werden. Wieso also steht der goldene Zeitmesser? Gute Frage. Vielleicht gibt es keine Ersatzteile mehr? Vielleicht gibt es niemanden, der so eine Uhr reparieren kann? Oder der Ladeninhaber hat sich mordsmäßig mit dem Uhrmacher zerstritten? Möglicherweise hat es der Besitzer noch gar nicht bemerkt. Oder aber, er will eine ganz andere Botschaft loswerden. Eine Botschaft der Entschleunigung in unserer sekundengenau getakteten Zeit.
Mit dem Blick auf die kaputte Uhr darf ich schon mal fragen, wie wichtig es tatsächlich ist, genau zu wissen, wie spät es ist. Meist mahnt diese Zeitangabe nur, zum nächsten Termin pünktlich zu erscheinen. Da kann es leicht passieren, die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren und sich von der nahe liegenden Zukunft an die Kandare nehmen zu lassen.
Es passiert immer wieder: Man trifft jemanden zufällig auf dem Weg, freut sich kurz und schon kommt der traurige Satz, „Schön dich zu sehen, aber, leider, leider, ich hab keine Zeit. Ich muss dringend da oder dort hin.“ Und man eilt geschäftig weiter.
Die stehen gebliebene Uhr im Magdeburger Stadtzentrum erinnert mich in ihrer stoischen Unbewegtheit daran, dass dem Glücklichen keine Stunde schlägt. Er erlebt die Gegenwart, lässt sich nicht von der Zukunft versklaven. Wo wir die Zeit vergessen, sind wir glücklich. Wer glücklich ist, dem ist die Zeit egal.
Wenn es das ist, was der Besitzer des Uhrenladens vermitteln will, muss es sich bei ihm um ein sympathisches Schlitzohr handeln, dem die Botschaft von der Freiheit der Zeit wichtiger ist als richtig gehende Uhren. Dann wäre er ein Zeitgenosse, der uns den netten Tipp gibt, nicht nur nach Terminen zu hetzen, sondern die Gegenwart ohne hektische Blicke auf die Uhr erleben zu können.

Guido Erbrich, Biederitz