09.03.2017

Doppelinterview mit Erzbischof Koch und Bischof Dröge

Den Auftrag zur Einheit hat uns Jesus gegeben

Ökumene praktisch: Die evangelische Wochenzeitung „Die Kirche“ und die Kirchenzeitung Tag des Herrn haben Erzbischof Heiner Koch und Bischof Markus Dröge interviewt.

Der katholische Erzbischof Heiner Koch (links) und der evangelische Bischof Markus Dröge im Interview. | Foto: Heike Krohn-Bräuer

Worum beneiden Sie Ihren Amtsbruder aus der jeweils anderen Kirche?

Bischof Markus Dröge: Was ich an der römisch-katholischen Kirche wirklich beachtlich und beeindruckend finde, ist die weltweite Orientierung und die weltweite Art, Liturgie zu feiern. Wenn ein katholischer Christ aus Mexico City die Messe in Südafrika besucht, dann fühlt er sich sofort in der Liturgie zu Hause. Das ist ein wunderbares Zeichen.

Erzbischof Heiner Koch: Die Kraft des Wortes Gottes in der evangelischen Kirche, die Achtsamkeit und der Wert, der gerade auf den Wortgottesdienst gelegt wird – das finde ich bewegend.

Ist Ökumene zurzeit auf Versöhnung ausgerichtet oder gleicht sie mehr einem Ringkampf?

Koch: Zunächst einmal ist Ökumene für uns ein Weg, ein Weg der Kirchen, die gemeinsam eine lange Geschichte haben – geprägt von Auseinandersetzungen, von Ringen um Verständigung und Versöhnung, von gemeinsamem Engagement und Auseinanderdriften. Nach Einheit zu suchen – auch in den unterschiedlichen Sichtweisen – bedeutet heute aber besonders, der Welt gemeinsam ein Glaubenszeugnis zu geben.

Woher kommt die Sehnsucht nach Einheit?

Dröge: Das ist mehr als eine Sehnsucht, es ist ein Auftrag zur Einheit, den uns Jesus Christus gegeben hat. Wir müssen diese Aufforderung ernst nehmen, weil wir uns als Kirchen gemeinsam auf Jesus Christus beziehen, wenngleich – vor dem Hintergrund unserer Geschichte – in unterschiedlicher Weise. Wir als evangelische Kirche unterscheiden uns etwa in manchen Fragen des Amtes oder des Kirchenverständnisses, aber das heißt nicht, dass wir nicht in einer versöhnten Einheit miteinander leben.

Koch: Selbst wenn es nur die eine Kirche gäbe, dann wäre es auf jeden Fall eine bunte, ringende Kirche. Kirche war und ist auf dem Weg, das wird sie immer bleiben. Auf diesem Weg gibt es keine Beliebigkeit, sondern es geht um das Verständnis von Christus, Kirche, Schöpfung, Sakrament.

Wo ringen Sie miteinander?

Koch: Im ökumenisch-theologischen Streit geht es beispielweise um Fragen und unsere positive Aussage zur Sakramentalität der Kirche, ausgedrückt etwa im Priesteramt. Wir glauben: In der Nachfolge der Apostel ist der Priester beauftragt, der Gemeinde herausfordernd und ermutigend gegenüberzustehen und ihr Heil verbindlich zu eröffnen im Wort und im Sakrament – nicht, weil der Priester gewählt oder examiniert ist, sondern weil er in seinem Amt durch seine Weihe die Kraft erhalten hat, in Vollmacht aus Christus heraus zu bewirken, was ihm in seiner Weihe geschenkt wurde und was ihm aus eigenen Fähigkeiten nicht möglich wäre.

Dröge: Dieses Verständnis – von Christus eingesetzt – gilt auch für unser Amtsverständnis, das wird oft übersehen. Es steht in der Confessio Augustana, dass Gott ein Amt eingesetzt hat als Gegenüber zur Gemeinde. Zu unserem Grundverständnis gehört, dass eine Pfarrerin oder ein Pfarrer zwar von der Gemeinde berufen wird, aber durch die Berufung der Gemeinde folgt sie oder er der Berufung Jesu Christi in das Amt.

Welche Erfahrungen vom Leipziger Katholikentag kann man als ökumenisches Element des Kirchentags übernehmen?

Koch: Der Kirchentag war ein beeindruckendes Glaubenszeugnis in einer Stadt, die noch weniger christlich geprägt ist als Berlin. Vieles von dem, was da entstanden ist, haben wir nicht geplant, aber es hat zu wunderbar kreativen Ergebnissen geführt. Bis heute ist in den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden die Erfahrung eines guten Miteinanders geblieben.

Was das Reformationsjahr betrifft, so scheint sich die Stimmung in der katholischen Kirche verändert zu haben. Lange Zeit war mit dem evangelischen Jubiläum eher das Gefühl von Trauer oder Verlust verbunden. Nun scheint ein Prozess der Annäherung stattzufinden.

Koch: Für mich ist dieses Jahr eine Mahnung: Wir dürfen die Chancen, die wir haben, nicht verpassen. Ich kann zwar die Geschichte nicht mehr zurückdrehen, ich möchte allerdings nicht – so wie es vor 500 Jahren war – die Möglichkeiten verpassen, welche die Geschichte bietet.

Dröge: Beide Seiten haben nach und nach Vertrauen gewonnen, dass wir das Reformationsjubiläum miteinander feiern können, ohne dass wir als evangelische Kirche unser Profil aufgeben. Das haben viele befürchtet. Mit dem Begriff „Christusfest“ haben wir mit unseren katholischen Geschwistern zu dieser Gemeinschaft im Jubiläumsjahr der Reformation gefunden. Jede Seite kann ihre spezifische Form der Christuserkenntnis einbringen.

Was können die katholische und die evangelische Kirche in Berlin, Brandenburg, und Vorpommern gemeinsam erreichen? Und wo sind sie schon längst ökumenisch unterwegs?

Dröge: In der Flüchtlingsproblematik arbeiten Diakonie und Caritas und die Gemeinden sehr gut zusammen. Ähnlich einig sind wir uns, wenn es um die Auseinandersetzungen mit Populisten und Extremisten geht. Oder bei der Frage, wie wir zu Europa stehen. Auch in den Fragen des Schutzes ungeborenen Lebens sind wir uns in den Grundauffassungen sehr ähnlich.

Sie, Herr Erzbischof Koch, haben am sogenannten Marsch des Lebens teilgenommen. Sie, Herr Bischof Dröge, haben die Teilnahme abgelehnt.

Koch: Dennoch haben wir uns nie auseinander dividieren lassen. Es gibt unterschiedliche Akzentuierungen, die etwas mit der Veranstaltungsform zu tun hatten, nicht mit den Inhalten. Das haben wir deutlich gesagt.

Dröge: Erzbischof Koch ist dorthin gegangen, auch um etwas auszusprechen, was einigen Teilnehmern gar nicht gefallen hat. Ich habe nicht teilgenommen, weil die Art und Weise, wie der „Marsch um das Leben“ polemisch und undifferenziert mit einer sehr sensiblen ethischen Problemlage umgeht, für mich problematisch war und ist.

Sie wollen stärker kooperieren, wenn es um den Religionsunterricht geht, etwa in ländlichen und kirchenfernen Räumen. Wie kann das aussehen?

Dröge: Diese Kooperation betrifft besonders Regionen, wo es nicht ausreichend Schülerinnen und Schüler gibt, die am Religionsunterricht interessiert sind, um eine pädagogisch funktionsfähige Klasse zusammenzustellen. Wir stellen uns vor, dass dort weiterhin entweder katholische oder evangelische Lehrerinnen und Lehrer unterrichten. Aber wenn ein evangelischer Lehrer die Klasse im Religionsunterricht hat, dann soll es auch immer Elemente oder Schülerprojekte geben, in denen eine katholische Lehrkraft authentisch die besondere Prägungen des katholischen Glaubens zum Ausdruck bringen kann. Und umgekehrt.

Koch: Wir wollen – zumal in diesen entkirchlichten Regionen – einen großen gemeinsam Schatz bewahren und teilen, der uns als Kirchen von Christus her anvertraut ist. Gerade hier wollen wir zeigen: Wir bleiben in unserer Verantwortung auf dem gemeinsamen Weg des Glaubens.

Gibt es weitere Überlegungen jenseits der Kooperation im Religionsunterricht? Was wäre wünschenswert?

Dröge: Wir fragen uns zurzeit intensiv: Wie kann man in unterschiedlichen Regionen christliches Leben mit anderen Partnern zusammen organisieren? Dazu gehört zu fragen: Was hat die Schwesterkirche in dieser Region vor? Daraus könnten gemeinsame Konzepte entstehen, die stimmig ineinandergreifen und das Beste für die Region hervorbringen.

Fragen: Amet Bick, Uli Schulte Döinghaus und Cornelia Klaebe

Kommentare

Liebe Bischöfe, und wann feiern wir endlich das gemeinsame Herrenmahl? Tut das zu meinem Gedächtnis, heißt doch wohl auch: Tut es gemeinsam. Da Jesus sebst der Vorsteher beim Herrenmahl ist und nicht der Amtsträger oder die Gemeinde, sind sowohl die Amtsträger wie auch die Gemeinden zum Gehorsam verpflichtet. Den Amtstägern wie den Gemeinden obliegt allerdings die Pflicht, ausreichend über die Anwesenheit des für unsere Sünden gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu informieren. Das gemeinsame Herrenmahl kann nicht der Endpunkt einer ökumenischen Gemeinschaft sein, sondern es ist Jesus sebst, der im gemeinsamen Mahl die Einheit aller bewirkt, die ihn aufnehmen. Nicht nur durch das Wort Gottes, sondern gerade durch das Herrenmahl bewirkt Gott die Einheit der Christen. Entscheidend für die Wirksamkeit des Herrenmahles ist nicht die theologische Vorstellung von Wort Gottes, Herrenmahl, Amt und Kirche, sondern der gekreuzigte und auferstandene Herr selbst. Liebe Grüße - Pfarrer Dr. Bernhard Dalkmann, Berlin