09.06.2016

Beim Leipziger Katholikentag war der Reformator vielfach präsent

„Der Luther ist los“

Leipzig. Ein Jahr vor dem Reformationsgedenken – mitten im Land der Reformation – kein Wunder: Die Ökumene spielte beim 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig eine wichtige Rolle.

Nicht nur bei Vorträgen und Diskussionspodien setzte der Leipziger Katholikentag Akzente – auch bei Gottesdiensten: Die Leipziger evangelische Jugendpfarrerin Grit Markert trägt bei der im Fernsehen übertragenen Eucharistiefeier am Fronleichnamstag die Lesung aus 1 Kor 11 mit der paulinischen Version des Abendmahlsberichtes vor. Foto: Eckhard Pohl

Von den rund 32 000 Dauerteilnehmern des Leipziger Katholikentages waren  nach Veranstalterangaben 10,6 Prozent evangelisch – so viele wie noch nie bei einem Katholikentag. Die evangelischen Kirchengemeinden der Stadt haben ihre Räume und Kirchen zur Verfügung gestellt. Zwar war nicht bei allen Einzelveranstaltungen die Resonanz des Publikums so groß wie von den Veranstaltern erhofft. Aber allein deren Zahl war bemerkenswert groß.

Reformator zieht Katholiken in seinen Bann
Und nicht nur das: Etwa ein Dutzend Angebote hatten den Reformator Martin Luther (1483-1546) im Titel – mehr als der Evangelische Kirchentag in Stuttgart im vergangenen Jahr. Ob es ums „Beten mit Martin Luther“ ging oder um den „Bruder Martin Luther“, die Verhältnisbestimmung von Luther und Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens, oder um das Kabarett-Programm „Der Luther ist los“ – fünf Monate vor Beginn des Reformationsgedenkens hat der Reformator die Katholiken offenbar in seinen Bann gezogen.
Gleich mehrere prominent besetzte Podien fragten nach der Aktualität Luthers mit Blick auf das anstehende Gedenkjahr. Dabei zeigte sich im Vergleich zu früheren Katholikentagen, dass offenbar manche Hürden inzwischen überwunden sind, die seinerzeit die Katholiken fragen ließen, ob man denn die „Kirchenspaltung feiern“ könne.
Dazu beigetragen hat einerseits der Prozess der „Heilung der Erinnerung“, bei dem die gegenseitigen Verletzungen der Vergangenheit angesprochen werden und der in einen großen „Versöhnungsgottesdienst“ in Hildesheim am 3. März 2017 münden soll. Hilfreich war auch die Versicherung der Protestanten, dass es beim Reformationsgedenken nicht um ein „Heldengedenken“ Luthers gehen soll, sondern um ein gemeinsames „Christusfest“.
Es gehe darum, bekräftigte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, beim Katholikentag, die „leidenschaftliche Christuskonzentration“ des Reformators neu ins Zentrum zu stellen und zugleich dessen „Leidenschaft für die Welt“ zu sehen. Die von Luther neu entdeckte „Freiheit des Christenmenschen“ dürfe nicht gegen die Nächstenliebe ausgespielt werden, sondern müsse mit dieser zusammengebracht werden.
Die katholische Theologin Dorothea Sattler aus Münster hob hervor, dass es im katholischen Raum eine „sehr hohe Bereitschaft“ gebe, sich vorbehaltlos der Person Luthers und seinen Gedanken zu nähern. Alle könnten von Luther lernen, und speziell die Katholiken könnten sich von ihm ermutigen lassen, den kontroversen Austausch innerhalb ihrer Kirche und in der Ökumene nicht zu scheuen.
Nach Einschätzung des Bochumer Theologen Thomas Söding haben die Katholiken die „größten Entdeckungen“ in Bezug auf Luther allerdings noch vor sich – die meisten von ihnen lebten so, als ob es die Reformation nie gegeben hätte. „Das ist ein Fehler“, fügte Söding hinzu.
Mit Blick auf 2017 äußerte er zwei Erwartungen: Das „Christusfest“ solle sich – ganz im Sinne Luthers – auf das Bekenntnis konzentrieren und nicht nur auf ethische Fragen. Und die Protestanten sollten die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ von 1999 nicht vergessen. Ein Wunsch, den Bedford-Strohm sogleich aufgriff: Die Erklärung habe „nach wie vor eine zukunftsweisende Kraft“.

Die „härteste Nuss“: das Papstamt
Der EKD-Ratsvorsitzende meinte, wenn die Kirchen mit Blick auf die Ökumene ihre „Suchrichtung“ ändern könnten und die Gemeinsamkeiten verstärkt in den Blick nähmen, dann wäre auch die „härteste Nuss“ zu knacken, nämlich die Frage des Papstamtes. Dass ein Papst wie Franziskus es vielen Protestanten leichter macht, sich einer solchen Aufgabe zu widmen, zeigte sich auch bei einem anderen Luther-Podium.
Dabei kam der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Landesbischof Karl-Hinrich Manzke, gleich mehrfach auf den Papst zu sprechen. Sei es, dass er Verbindungen zwischen Luthers Betonung der Barmherzigkeit Gottes und dem von Franziskus proklamierten Heiligen Jahr zum Thema Barmherzigkeit aufzeigte oder dessen Impulse zur Kirchenreform würdigte. „Ich bin lutherisch-katholisch, Sie sind römisch-katholisch“ –  die verbleibenden „kleineren Unterschiede“ dürften nicht trennen.

Von Norbert Zonker