15.09.2016

Propst Gregor Giele blickt auf den Leipziger Katholikentag zurück

Dialog mit Nichtglaubenden: Viel gelernt beim Katholikentag

Leipzig. Knapp vier Monate sind seit dem Katholikentag in Leipzig vergangen. Inzwischen laufen in Münster die Vorbereitungen auf das nächste Treffen dieser Art. Auch das diözesane Katholikentags-Büro in Leipzig hat vor wenigen Wochen geschlossen. Wichtigster Ansprechpartner für die Vorbereitungen des 100. Katholikentages vor Ort war der Leipziger Propst Gregor Giele. Der Tag des Herrn fragte ihn nach seinem Fazit.

Der Leipziger Propst Gregor Giele war maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung des 100. Deutschen Katholikentages in Leipzig beteiligt. Im Tag des Herrn-Interview zieht er Bilanz. Foto: kna

Mit etwas zeitlichem Abstand: Herr Propst, was bleibt vom 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig?

Ein wenig fürchte ich diese Frage immer. Die Langzeitwirkung eines Ereignisses von fünf Tagen Dauer ist schwer zu beschreiben. Was sicher festzuhalten ist: Ein solches Großereignis ist Balsam für die Christen in der ostdeutschen Diaspora. Wir sind viele; Kirche ist jung – das zu erleben, tat gut.
Diejenigen Leipziger, die keiner Kirche angehören, die den Katholikentag aber trotzdem wahrgenommen haben, waren sicher überrascht von dem Bild, das die katholische Kirche in der Stadt geboten hat. In der Öffentlichkeit wird katholische Kirche ja oft als eine Art monolithischer Block wahrgenommen, der von Rom aus gesteuert ist. Die Buntheit und Vielfalt, die Leichtigkeit und Gelassenheit, die die katholischen Christen während dieser Tage vermittelt haben, hat manchen Leipziger stark beeindruckt.
Was für künftige Katholikentage bleiben wird – so hoffe ich zumindest –, ist die Freude an dem Versuch, sich im öffentlichen Raum als Kirche in Erscheinungsbild und Sprache auf eine nicht glaubende Umwelt einzulassen und den Menschen so zu begegnen.

Ein Anliegen des Katholikentages war es ja, mit den nicht glaubenden Leipzigern ins Gespräch zu kommen. Ist das gelungen? Oder haben die Leipziger den Katholikentag überstanden, so wie sie auch zu Pfingsten das jährliche Treffen der Wave-Gotik-Anhänger überstehen?

Das Wave-Gotik-Festival ist ein guter Vergleich: Wer sich dafür interessiert, macht sich zu Pfingsten auch mal in die Innenstadt auf. Wer Interesse am Katholikentag hatte, hat sich auch auf den Weg gemacht, um aus der Position des neutralen Beobachters dieses Ereignis zu erleben. Wer kein Interesse hatte, hat die Innenstadt gemieden. Das ist in einer Großstadt wie Leipzig ganz normal.
Es gibt keine Forschungen darüber, wie viele Nichtglaubende bei den Veranstaltungen gewesen sind oder bei Begegnungen in der Stadt angesprochen wurden. Nimmt man die Erzählungen der Gemeindemitglieder und der Katholikentags-Mitarbeiter als Grundlage, fand das wohl öfter  statt, als erwartet. Jeder konnte von irgendeiner derartigen Begegnung berichten.

Dem Katholikentag ging es aber nicht nur um Begegnung. Man wollte auch mit den Nichtglaubenden ins Gespräch kommen über das, was sie im Innersten bewegt. Dazu gab es den eigenen Themenbereich „Leben mit und ohne Gott“. Bei einer Veranstaltung „Was glaubt, wer nicht glaubt“ blieb aber der Stuhl für den Nichtglaubenden leer. Offensichtlich ist es gar nicht so einfach, in ein solches Gespräch zu kommen?

Schon bei der Vorbereitung zu diesem Thema haben sich ein paar Schwierigkeiten gezeigt. Das geht damit los, dass wir als Glaubende keine positive Begrifflichkeit haben für die Menschen, die nicht glauben. Das sind alles Bezeichnungen mit „nicht“, manchmal sogar Beschimpfungen: Nichtchristen, Nichtglaubende, religiös Indifferente, Atheisten, Agnostiker ... Wenn wir nicht einmal einen wertschätzenden Begriff haben, wie denken wir dann über diese Menschen?
Eine zweite Schwierigkeit ist, Leute für ein solches Gespräch zu erreichen. Sie sagen: „Wir glauben nicht. Aber das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Wir sind Mann oder Frau. Wir haben diesen oder jenen Beruf. Aber das wir nicht an Gott glauben, das spielt für unserer Selbstdefinition keine Rolle. Deshalb haben wir hier auch keinen Gesprächsbedarf.“
Es ist eine Erfahrung, die wir beim Katholikentag gemacht haben: Wir Christen müssen neu nachdenken über die Menschen, die keinen Bezug zur Transzendenz haben. Wir haben Nachholebedarf, das als Wirklichkeit anzunehmen. Und wir müssen lernen, auf eine neue Art und Weise von und mit diesen Menschen zu reden.

Der 100. Katholikentag in Leipzig wollte auch neue Akzente für dieses Veranstaltungsformat setzen. Was ist gelungen, was nicht?

Beim Themenbereich „Leben mit und ohne Gott“ hat es nur bedingt funktioniert, diesen auch für die Nichtglaubenden attraktiv zu machen. Zu den Veranstaltungen sind eher Neugierige oder ohnehin schon Sympathisierende gekommen.
Deutlich besser funktioniert haben alle Versuche, im öffentlichen Bereich als Kirche überraschend aufzutreten und dabei zufälligen Passanten zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Hier haben wir Kirche nach außen transportiert, aber eben nicht mit unseren traditionellen kirchlichen Darstellungsformen und Worten, sondern in einer Art und Weise, die bewusst vom Adressaten her gedacht hat. Da ist besonders das Off-Church-Projekt zu nennen. Dabei wurden Einrichtungsgegenstände aus der Kirche auf moderne Weise an verschiedenen Punkten in der City präsentiert. Eine Kanzel zum Beispiel als Speakers Corner, wo jeder eingeladen war, anderen ein gutes Wort mit auf den Weg zu geben. Ein ähnliches Denken stand auch bei vielen Ständen auf der Katholikentagsmeile im Hintergrund: Wie können wir das, was uns wichtig ist, so präsentieren, dass die Menschen wieder neugierig werden?

Für westdeutsche Katholiken waren die Tage in Leipzig auch eine Gelegenheit kennenzulernen, wie ostdeutsche Katholiken unter den hier gegebenen Voraussetzungen ihren Glauben leben. Hat es einen diesbezüglichen Ost-West-Austausch gegeben?

Dieser Austausch ist – glaube ich – sehr gut gelungen. Ein erkennbarer Teil der Katholikentagsteilnehmer aus den westlichen Bistümern ist gerade deshalb nach Leipzig gekommen, um zu erleben, wie wir im Osten unseren Glauben leben. Für sie überraschend ist die Lebendigkeit unserer Gemeinden, der prozentual höhere Gottesdienstbesuch und der stärker ausgeprägte Mut, sich nach außen zu seinem Glauben zu bekennen. Hierüber hat es beispielsweise in den Gastfamilien viele Gespräche gegeben.

Für die Christen im Osten ist auch das ökumenische Miteinander oftmals sehr selbstverständlich. Ist das auch beim Katholikentag gelungen?

Es gab wichtige ökumenische Akzente, zum Beispiel dass eine evangelische Pastorin in der Eucharistiefeier die Lesung liest. Aber Ökumene als selbstverständliches durchlaufendes Element bei solchen kirchlichen Großprojekten zu sehen, das fällt uns immer noch schwer. Das gilt für beide Konfessionen. Es gibt eine große Sehnsucht nach Miteinander, aber im Alltag der Vorbereitung eines solchen Großereignisses droht dieser Gedanke immer wieder wegzurutschen. Die Charta Oecumenica  fordert ein gemeinsames Handeln auf  allen  Ebenen  des  kirchlichen  Lebens,  wo  die  Voraussetzungen dafür  gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder größere Zweckmässigkeit dem Entgegenstehen. Von einem solchen Paradigmenwechsel sind wir noch weit entfernt. Deshalb gibt es ja immer noch ein eigenes Themenfeld Ökumene.

In Münster läuft jetzt die Vorbereitung des nächsten Katholikentages. Welchen Rat haben Sie für die Münsteraner?

Mit Ratschlägen halte ich mich zurück. Wichtig scheint mir das jeweils eigene Profil. Würde der Katholikentag nur den Ort wechseln und wäre sonst immer derselbe, dann wäre er nur ein Wanderzirkus. Interessant werden die Katholikentage, wenn sie jeweils durch den Gastgeber vor Ort einen eigenen Akzent erhalten.
Ich habe nur den Wunsch geäußert, dass das Thema Diaspora, Dialog mit den Nichtglaubenden nicht gleich wieder in Vergessenheit gerät, sondern dass es ein Themenschwerpunkt wird, der bei Katholikentagen künftig unverzichtbar ist – auch im „schwarzen Münster“, das so schwarz vielleicht gar nicht mehr ist.

Fragen: Matthias Holluba