10.11.2016

Erstmals Interreligiöse Jury bei der DOK Leipzig

Ein Signal in Pegida-Zeiten

Leipzig. Das Leipziger Dokumentarfilm-Festival ist das erste Filmfestival in Deutschland mit einer Interreligiösen Jury.

Der Leipziger katholische Pfarrer Thomas Bohne überreicht den Preis der Interreligiösen Jury der Leipziger Dokfilm-Woche an Heidi Specogna für ihren Film „Cahier Africain“. Foto: Dok Leipzig 2016

In Zeiten wachsender Fremdenfeindlichkeit war ihr diese Jury ein „Herzensanliegen“, sagt Leena Pasanen, Intendantin des Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK Leipzig). Sie danke den Kirchen, dass sie ihre Anregung aufgegriffen haben und aus der bisher Ökumenischen Jury, die es seit 1990 gibt, eine Interreligiöse Jury gemacht haben. Neben zwei Christen gehörten in diesem Jahr auch ein Muslim und eine Jüdin zur Jury.

Viel mediale Aufmerksamkeit
„Dieses Zeichen für ein friedliches Miteinander der Religionen mussten wir in Pegida-Zeiten setzen“, sagt der Leipziger Oratorianer, Pfarrer Thomas Bohne, der die Jury als Präsident leitete. Und das Zeichen ist angekommen: „Soviel Aufmerksamkeit der Medien wie in diesem Jahr hat die Ökumenische Jury all die Jahre zuvor nicht bekommen“, sagt Bohne. DOK Leipzig ist das erste deutsche Filmfestival mit einer Interreligiösen Jury, ein Vorbild gibt es nur in der Schweiz.
Die Jury-Arbeit habe sich durch die neue Zusammensetzung kaum verändert: „14 Filme in fünf Tagen. Die ersten Gespräche führen wir morgens um neun beim Frühstück im Hotel. Und meist sind die Diskussionen vor ein Uhr nachts nicht zu Ende“, erzählt Pfarrer Bohne. Auch der bewertende Blick auf die Filme bleibt ähnlich. Zwar mussten die Regularien angepasst werden: Hieß es bei der ökumenischen Jury, dass die Filme im Geist des Evangeliums bewertet werden sollen, gilt es jetzt Filme zu finden, die für „religiöse, spirituelle, individuelle und soziale Fragen und für die Würde des Menschen, Gerechtigkeit, Solidarität, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“ sensibilisieren. Dass die Filme professionell gut gemacht sein müssen, bleibt selbstverständlich.
„Es gibt fast keinen Film, der nicht irgendwie religiös ist“, sagt Pfarrer Bohne. „Immer wenn die Hoffnungen der Menschen, ihre Liebe und das, was sie glauben, Thema ist, ist das ein Film für uns.“ Welcher Film am Ende das Rennen macht und den mit 2500 Euro dotierten Preis der Interreligiösen Jury erhält, darüber wird übrigens nicht mit Mehrheit entschieden. „Ich habe zwar als Präsident zwei Stimmen und könnte damit bei einer Patt-Situation entscheiden, aber davon werde ich keinen Gebrauch machen“, sagt Thomas Bohne. Bei fast allen Jury-Entscheidungen, an denen er bisher mitgewirkt hat, wurde – wenn auch manchmal nach langen Diskussionen – ein Konsens gefunden. Diesmal fiel die Entscheidung für den Film „Cahier Africain“ von Heidi Specogna (siehe Stichwort).

Hühnchen statt sächsischem Mutz-Braten
Zwei Dinge nennt Pfarrer Bohne dann doch, die sich durch die neue Zusammensetzung der Jury geändert haben: „Wann habe ich schon mal Gelegenheit, mit einem türkischen Muslim über die Lage in seinem Land zu reden oder mit einer Jüdin über die Politik in Israel?“ Und: Die Restaurant-Auswahl ist schwieriger geworden. „Statt sächsischem Mutz-Braten bevorzugen wir nun Hühnchen.“

Von Matthias Holluba

Stichwort: Preis für „Cahier Africain“
Die Interreligiöse Jury hat mit ihrem Preis den Film „Cahier Africain“ von Heidi Specogna ausgezeichnet. In der Begründung heißt es:

Der Film „erzählt  von den grausamen Kämpfen zwischen verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen in der Zentralafrikanischen Republik. Die Schweizer Filmemacherin stellt dabei das Schicksal von Arlette, einem jungen verwundeten  christlichen Mädchen, und das Schicksal von der Muslima Amzine, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, mit ihrer danach geborenen Tochter in den Mittelpunkt. Trotz dieser hoffnungslosen Situation findet Amzine brüchige Sicherheit als Flüchtling im Chad. Die Interreligiöse Jury gratuliert Heidi Specogna  zu ihrem sensiblem Umgang mit ihren Protagonistinnen. Ihr ist ein poetischer Film gelungen, der uns mit diesen Frauen auch Hoffnung  für die Zukunft gibt.“