10.07.2014

Deutschland soll sich mehr fürs Recht einsetzen – zur Not mit Gewalt

Gaucks heikler Appell

Der Bundespräsident, ein ehemaliger Pfarrer, als Kriegstreiber? Nachdem Joachim Gauck gefordert hat, Deutschland müsse mehr Verantwortung in der Welt übernehmen – unter Umständen auch mit Waffen, gibt es eine Debatte. Auch mit Vertretern der Kirchen.

Joachim Gauck spricht derzeit oft über Krieg und Gewalt,
Unrecht und Solidarität. Foto: dpa

Ein empfindlicher Zeitpunkt, zu dem Gauck seine Anmerkungen erstmals formulierte: Europa gedenkt selbstkritisch des Jahres 1914, als seine Führer ihre Nationen in den Ersten Weltkrieg getrieben haben. Da sagt der Bundespräsident unter anderem: „So wie wir eine Polizei haben und nicht nur Richter und Lehrer, so brauchen wir international auch Kräfte, die Verbrechen oder Despoten, die gegen andere mörderisch vorgehen, stoppen.“

Postwendend gab es theologische Kritik am einstigen Mitbruder Gauck. „Im Zeitalter von Drohnen und Massenvernichtungswaffen kann niemand mehr Krieg als ein Werkzeug Gottes sehen“, sagte etwa Margot Käßmann – und setzte hinzu: „Das sollte auch Joachim Gauck wissen.“ Ostdeutsche Pfarrer wie Friedrich Schorlemmer kritisierten Gauck ebenfalls.

Manchmal ist Verteidigung einfach notwendig

Am vergangenen Sonntag hat der Bundespräsident seine Forderung nach einer notfalls auch militärisch aktiveren Rolle Deutschlands in der Welt – im Verbund mit Partnern wie EU und NATO – verteidigt. Im ZDF-Sommerinterview teilte er zwar Käßmanns Auffassung, dass es keinen gerechten Krieg gebe, „aber manchmal sind Verteidigungshandlungen gerechtfertigt. Ich möchte Frieden, aber Krieg existiert.“

Joachim Gauck ist ein politischer Präsident. Noch deutlicher äußert er sich dazu, dass Deutschland flexibler umgehen soll mit der wachsenden Zahl von Flüchtlingen, die in Europa Sicherheit oder ein besseres Leben suchen. Ihnen gegenüber mahnte er „Barmherzigkeit“ und „Solidarität“ an. „Du musst bestimmte Themen auch so deutlich ansprechen, dass sie wahrgenommen werden“, verteidigt sich der Bundespräsident.

Der Appell sei nötig, weil er manchmal das Gefühl habe, die deutsche Bevölkerung halte es für ausreichend, im eigenen Land Ordnung zu sichern. „Ich möchte nicht noch einmal erleben, dass in Ruanda Hunderttausende von Menschen abgeschlachtet werden und wir nichts tun“, betonte Gauck.

Deutsche leben auf einer „Insel der Seligen“

Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hält die angestoßene Debatte für notwendig. Allerdings habe der Bundespäsident Militäreinsätze nicht in den Mittelpunkt gestellt und sie auch nur als letztes Mittel genannt. Zweifellos, so Glück, gebe es bei dieser Frage „eine natürliche Spannung … gerade auch in den Kirchen“. Kanzlerin und Außenminister nähmen ihre außenpolitische Verantwortung ernst, lobte er. Gleichzeitig kritisierte er: „Unsere Gesellschaft ist insgesamt zu binnenorientiert in der Hoffnung, eine ‚Insel der Seligen‘ bleiben zu können.“ Gerade Katholiken sollten den Einsatz fürs Gemeinwohl global ausweiten und sich dabei vor allem in die kulturellen Prägungen und Wertemuster anderer Völker hineindenken. Der evangelische Militärbischof Sigurd Rinke erklärte, es müsse „bestimmte Formen von rechtserhaltender Gewalt“ geben. 

„Wenn wir dann als allerletzte Variante unseres Tuns zusammen mit Bündnispartnern uns entschließen, Soldaten zu schicken“, so Gauck, „tun wir das nicht, um zu herrschen und zu dominieren, sondern wir tun es aus Solidarität, um das Schlimmste zu verhüten.“ „Und das, denke ich, kann jeder nachvollziehen.“

Von Roland Juchem