26.01.2017

Blick auf das Bistum Meißen in der Reformationszeit

Kirche erneuern, Macht erhalten

Was bewegte die Reformatoren und ihre katholischen Kontrahenten im Bistum Meißen wirklich? Vor 500 Jahren erstickten polemische Auseinandersetzungen das Bemühen, einander zu verstehen, bereits im Ansatz.

Der Kirchenhistoriker Jens Bulisch versucht nachzuholen, was damals aufgrund von Verquickungen politischer und theologischer Interessen und der raschen Verfestigung beidseitiger Vorurteile nicht gelang: In seinem neuen Buch über das Bistum Meißen in der Reformationszeit legt er dar, welche Positionen Luther, seine Weggefährten und im Gegensatz dazu die letzten Meißner Bischöfe vertraten und welchen Einflüssen sie unterlagen. Auch die Rolle der Landesfürsten nimmt er dabei detailliert in den Blick.
Der Autor, der bis 2011 Pfarrer der evangelischen Landeskirche Sachsens war und dann zur katholischen Kirche konvertierte, erläutert ausgewogen und differenziert, dass die damaligen Konfliktparteien einander erheblich näher waren als es den Anschein hatte: Unter den letzten katholischen Bischöfen Meißens waren mehrere, die durchaus selber ein großes Interesse an kirchlichen Reformen hatten, macht Jens Bulisch deutlich. Bischof Johann von Sallhausen (1487 –1518) beispielsweise verfasste eine neue Kirchenordnung, die Auswüchsen im Lebenswandel von Klerikern entgegenwirken sollte. „Ebenso wollen und befehlen wir, dass kein Kleriker in der Öffentlichkeit tanzt, törichte Reden schwingt, geschmacklose Spiele spielt oder sich vornimmt, an solchen teilzunehmen“, ist darin unter anderem zu lesen. In seinem theologisch hochgebildeten Landesherrn Herzog Georg dem Bärtigen (1471–1539) hatte er eigentlich einen Gesinnungsgenossen. Die beiden arbeiteten jedoch nicht zusammen, sondern verloren sich in Machtgerangel. Einzig für die Heiligsprechung Bischof Bennos zogen sie am gleichen Strang.   
Den Wittenberger Reformideen  besonders nahe war Bischof Johann von Maltitz (1537–1549), den Bulisch in eine Reihe mit den katholischen Reformtheologen Michael Helding und Julius Pflug stellt, den Bischöfen von Merseburg und Zeitz bzw. Naumburg. Nicht zuletzt in der Rechtfertigungslehre teilt er Luthers Ansichten. Unter dem Titel „Christliche Lere“ verfasste er einen Katechismus und wollte darüber mit den Wittenberger Reformatoren und mit Herzog Georgs Nachfolger Heinrich – der sich der Reformation bereits angeschlossen hatte – in Verhandlung treten. Luther und andere Wittenberger Theologen begutachteten seine Schrift, wollten sich aber auf Gespräche nicht mehr einlassen: „Zwar habe Bischof Johann sowohl reformatorische Sprachformen benutzt als auch deren Glaubenserkenntnisse bedient, doch habe er dies nur getan, um Sand ins Getriebe zu werfen und die Gemüter zu verwirren. Man solle sich durch die Vorspiegelung des Bischofs, reformieren zu wollen, nicht aufhalten lassen und selbst ans Werk gehen“, fasst Jens Bulisch ihre Reaktionen zusammen.
Die katholischen Bischöfe lebten in Saus und Braus, seien ungebildet, theologisch desinteressiert und engagierten sich nicht für Belange des Bistums, hatte Martin Luther beanstandet. Dieses harsche Urteil trifft Bulisch zufolge unter den fünf letzten Meißener Bischöfen allenfalls den allerletzten, Johann von Haugwitz (1555–1581). Der sei weder ein kluger Kirchenpolitiker noch ein gebildeter Theologe gewesen und war nicht einmal zum Priester geweiht.
Doch nicht nur auf lutherischer Seite gab es Vorurteile, Missverständnisse und ungerechtfertigte Verallgemeinerungen, wird bei der Lektüre des Buches deutlich. Bischof Johann von Schleinitz (1518–1537) und Herzog Georg beispielsweise unterstellten Luther, er halte die Kommunion unter nur einer Gestalt für ungültig. Wenngleich der das so nie gesagt hatte und lediglich die Teilhabe der Laien an der Kommunion unter beiderlei Gestalten gefordert hatte, prägte dieses Missverständnis die Auseinandersetzungen nachhaltig.
Ein eigenes Kapitel widmet das Buch Johann Leisentrit (1527 –1586), dem kirchlichen Administrator der Ober- und Niederlausitz, der durch seine besonnene, reformfreudige und zugleich auf Einheit bedachte Führung seines Amtes dazu beitrug, dass katholisches Leben in dieser Region erhalten blieb.
Zahlreiche Abbildungen und Hinweise laden den Leser dazu ein, sich auch touristisch auf die Spuren der Reformationszeit zu begeben.

Jens Bulisch: Das Bistum Meißen in der Reformationszeit; St. Benno-Verlag Leipzig 2017; ISBN 978-3-7462-4757-1; 220 Seiten; Preis: 34,95 Euro