09.03.2017

Was macht eigentlich ein Bundeswehrseelsorger?

Offenes Ohr für Soldatensorgen

Was macht eigentlich ein Bundeswehrseelsorger? Janusz Stanczak, der neue Militärpfarrer für Delitzsch und Leipzig, erzählt über seinen Arbeitsalltag und seinen Werdegang.

Pfarrer Janusz Stanczak (rechts) und Pfarrhelfer Markus Ristok vor dem Glockenturm des Militärpfarramts Delitzsch.

Im klassischen Theater führt es zu Verwicklungen, Diener zweier Herren zu sein. Janusz Stanczak lebt diese Situation ganz entspannt. Im Auftrag des Staates erteilt er seit vergangenem September Lebenskundlichen Unterricht an der Unteroffiziersschule des Heeres in Delitzsch und in der Olbricht-Kaserne in Leipzig. Zugleich ist er an beiden Standorten im Auftrag des Katholischen Militärdekanates Berlin Seelsorger.  „Eine gute Verbindung“, findet der 44-jährige Pole. Die meisten Militärangehörigen, die ihn zu seelsorglichen Gesprächen aufsuchen, kennt er aus dem Unterricht. Sein evangelischer Kollege kann ähnliches berichten. Ob der Seelsorger katholisch oder evangelisch ist, zählt dabei für die meisten weniger als das gewachsene Vertrauen.
Janusz Stanczaks „Gemeinde“ besteht nicht nur aus der kleinen Gruppe, die sich jeden Mittwoch mit ihm zu einer kurzen Andacht in der ökumenischen Kapelle der Delitzscher Unteroffiziersschule und zum anschließenden Frühstück trifft. Sie ist weitaus größer und zudem so bunt wie die deutsche Bevölkerung: Katholische und Evangelische, Freikirchler, Muslime und Atheisten, einfache Offiziersanwärter und Führungskräfte, Frauen und Männer unterschiedlicher politischer Gesinnung, Hetero- und Homosexuelle ... Die Bandbreite der Probleme, die den Soldatinnen und Soldaten auf der Seele lasten, ist dagegen nicht ganz so groß. Immer wieder hört der Seelsorger von Liebeskummer, von Problemen in der Familie, die durch  häufige Versetzungen und weite Entfernungen zwischen Einsatzort und Wohnort der Angehörigen und Freunde verschärft werden, von Sorgen um Geld und Lebensplanung, von Ängsten vor Tod und Verwundung in Auslandseinsätzen.
Im lebendkundlichen Unterricht wiederum kommt ihm zugute, dass er weiß, was die Soldaten bewegt und bedrückt. Die Themenfelder, die er unterrichtet, sind Kameradschaft, Vorurteile und Toleranz. Weitere Themen überlässt er bisher allein dem  evangelischen Kollegen, der bereits Auslandseinsätze hinter sich hat: Tod und Verwundung sowie posttraumatische Belastungsstörung. Wer Soldaten im Krieg oder in anderen Grenzsituationen des Lebens begleitet – für Janusz Stanczak steht das in ein oder zwei Jahren an – sammelt dabei Erfahrungen gerade für diese Themen. 

Als Pole beim deutschen Militär
Schon jetzt ist der Priester Teil des psychosozialen Netzwerks, das bei Krisen und Problemen zurate gezogen wird. Zusammen mit den Militärseelsorgern arbeiten dort Truppensärzte, Sozialarbeiter, Psychologen und ein hochrangiger Offizier.
Dass Militärseelsorger – anders als in seinem Heimatland – keine Offiziere, sondern Zivilisten sind, findet er hilfreich: „So stehe ich außerhalb der militärischen Hierarchie und kann allen auf Augenhöhe begegnen“. Kritischer sieht er hingegen die geringere gesellschaftliche Anerkennung, die Soldaten in Deutschland entgegengebracht wird. Die Soldaten in Delitzsch haben ihm gesagt: „Es gibt Regionen in Deutschland, in denen man besser nicht in Uniform durch die Stadt laufen sollte.“ Viele empfänden das als Belastung.  In Polen hingegen sei man stolz auf das Militär. „Vielleicht liegt es daran, dass Polen eigentlich immer um ihre Freiheit kämpfen mussten“, vermutet der Seelsorger.
Auch wenn er in Polen geboren wurde und dort bis zum Abschluss seines Theologiestudiums gelebt hat, ist ihm die deutsche Kultur und Lebensart längst vertraut und lieb geworden. Zum Ende seines Studiums war er sich zwar seiner Berufung sicher, zweifelte aber noch daran, ob er dem priesterlichen Lebensstil gewachsen sein würde. Er war einige Jahre lang Arbeiter, Buchhalter und Religionslehrer an einer Grundschule und am Gymnasium, bis er sich reif für eine endgültige Entscheidung fühlte. In seinem Heimatbistum Gleiwitz hatten sich die Türen für ihn aber geschlossen. Bei rund 150 Priesteramtskandidaten galt damals die Devise: Wer das Seminar einmal verlässt, hat es damit unwiderruflich für immer verlassen.

Wie an der Klagemauer: In den Fugen des Delitzscher Kreuzes stecken Zettel mit Bitten.

Jenseits der Grenze, im Bistum Eichstätt, bekam er dagegen eine Chance. Zwei Jahre hatte er Zeit, die deutsche Sprache und Mentalität näher kennenzulernen, bevor er seine Priesterausbildung fortsetzen konnte. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 2006 wurde er Kaplan in verschiedenen Gemeinden rund um Nürnberg, vier Jahre später wurde er Pfarradministrator und schließlich Pfarrer in Stein bei Nürnberg. Dort erlebte er eine aktive Gemeinde mit vielen Ehrenamtlichen, ein lebendiges ökumenisches Miteinander und manche Herausforderungen wie den Bau einer Kinderkrippe in katholischer Trägerschaft.
Obwohl er sich in Stein sehr wohlgefühlt hat, nahm er die bevorstehende Gemeinde-Fusion zum Anlass, sich noch einmal auf eine neue Aufgabe einzulassen. Zunächst für sechs Jahre hat ihn das Bistum Eichstätt für die Seelsorge im Militärdekanat Berlin freigestellt.

Von Dorothee Wanzek