08.12.2016

Zuchthauskapelle auf der Leuchtenburg ist jetzt Porzellankirche

Schlicht und elegant

Seitenroda. Passend zum Porzellanmuseum auf der thüringischen Leuchtenburg wurde die dortige Burgkapelle als „Porzellankirche“ umgestaltet. In einer ökumenischen Feier nahmen die Christen der Region den Gottesdienstraum kürzlich wieder in Besitz.

Beim Polterabend ließen sie das Porzellan noch kurz zuvor kräftig scheppern, zum Ja-Wort haben sie das gleiche Material in makelloser Schönheit wieder vor Augen – die Porzellankirche auf der Leuchtenburg ist besonders beliebt bei Hochzeitspaaren. Foto: Dorothee Wanzek

Nachdem die Burgkapelle jahrzehntelang nur als Ausstellungsraum des Leuchtenburg-Museums genutzt wurde, finden hier seit einigen Jahren – zunächst zwischen den Ausstellungsstücken – wieder Gottesdienste statt. Bereits mehrfach führte zum Beispiel am Karfreitag ein ökumenischer Familienkreuzweg aus dem Talort Seitenroda zur Burg hoch. Eine Gruppe von Burgfreunden verfolgte seit vier Jahren das Ziel, der Burg ihre Kirche wiederzugeben. Im 15. Jahrhundert erstmals erwähnt, war sie im Laufe der Jahrhunderte zwar abgebrannt, wieder aufgebaut, umgebaut und umgenutzt worden, im Bewusstsein der Bevölkerung aber immer Kirche geblieben.
Ein erster Schritt zur Rückverwandlung in eine Kirche war 2013 die Einweihung einer neuen Orgel. Im bayerischen Valley waren die Burgfreunde fündig geworden. Sixtus Lampl, pensionierter Oberkonservator der Bayerischen Denkmalpflege, hütet dort eine Sammlung von mehr als 100 ausrangierten, aber noch gut erhaltene Orgeln. Gemeinsam mit ihm suchten sie das passende Instrument aus, eine Steinmeyer-Orgel, die seither vor allem bei Konzerten auf der Burg zum Einsatz kommt und auch bei der Einsegnungsfeier im Oktober erklang.
Die Kapelle, die zum evangelischen Kirchspiel Kahla-Hummelshain gehört, soll fortan nicht nur für evangelische und ökumenische Gottesdienste, sondern zuweilen auch für katholische Feiern genutzt werden. Der Geraer Dekan Klaus Schreiter, der an der Einsegnung der Dreieinigkeitskapelle mitwirkte, hat bereits erste Anmeldungen für Taufen und Trauungen auf der Burg entgegengenommen. Im Sommer will er die Katholiken des ostthüringischen Dekanats hier zu einer heiligen Messe einladen.
Den Namen „Porzellankirche“ verdankt die Kirche ihren deckenhohen Porzellanlamellen, die den schlichten Raum optisch abteilen, als sei er das Hauptschiff einer dreischiffigen gotischen Kathedrale. Der amerikanische Architekt Michael J. Brown, ein Schüler des Star-Architekten Daniel Libeskind, wollte die Schlichtheit des Raumes erhalten, ihm aber eine Anmutung von Weite geben. Schlicht, aber edel wirken auch der Altar und die Sitzgelegenheiten aus Eichenholz-Blöcken.
Dass es heute vor allem Liebhaber schöner Gegenstände und Burg-Romantiker auf die Leuchtenburg zieht, könnte darüber hinwegtäuschen, dass diese Burg wohl nie den romantischen Vorstellungen einer Ritterburg entsprach. Sie war im Mittelalter Verwaltungssitz, später Zuchthaus, Irrenanstalt und Armenhaus, nach 1871 dann Hotel, Jugendherberge und Museum.
Bereits im 18. Jahrhundert gab es eine eigene evangelische Pfarrstelle für die Gefängnisseelsorge auf der Leuchtenburg. Dieser Fortschritt war Ausdruck der sich ändernden gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Haftstrafen. War es lange Zeit allein darum gegangen, die Häftlinge für ihr begangenes Unrecht büßen zu lassen, ging es – wohl unter dem Einfluss der Aufklärung – nun darum, die Straftäter zu bessern.
Nichtsdestotrotz waren die Haftbedingungen für heutige Vorstellungen außerordentlich hart: in schwere Ketten gelegt mussten die Gefangenen bei karger Kost schwerste Arbeit verrichten. Gottesdienst- und Unterrichtszeiten in der Kirche waren für die meisten äußerst willkommene Unterbrechungen. Für die Pfarrer, die angewiesen waren, die Leuchtenburg während ihrer Amtszeit nicht zu verlassen, war die Gefängnisseelsorge alles andere als ein „Traumjob“. Im Durchschnitt hielten sie es nicht länger als fünf Jahre hier aus. Eine Ausnahme bildete Mitte des 19. Jahrhunderts offenbar Pfarrer Heinrich Julius Runkwitz, für den die schwierige Arbeit mit Menschen am Rande der Gesellschaft eine Lebensaufgabe war. Als er mit 42 Jahren an einem Schlaganfall starb, verzichteten die Häftlinge drei Jahre lang auf Kautabak und ersparten sich auf diese Weise Geld, mit dem sie ihrem beliebten Seelsorger drei Jahre später einen Grabstein setzen ließen.
Als das Zuchthaus 1871 geschlossen wurde, gelangten die meisten Einrichtungsgegenstände der Kirche ins Altenburger Lehrerseminar. Einen ersten größeren Vorstoß zur Kirchen-Wiederbelebung gab es nach dem Ersten Weltkrieg. Eine Initiative, die schon große Spenden für eine dort einzurichtende Krieger-Gedächtnishalle gesammelt hatte, wurde aber durch die Inflation gestoppt.

Die Porzellankirche kann zum Gottesdienst oder im Rahmen eines Museumsbesuchs besucht werden. In den Winterferien gibt es Familien-Führungen. Die Kirche ist Konzertort des Thüringer Orgelsommers. Näheres unter www.leuchtenburg.de

Zitiert: Gefängnispfarrer im 19. Jahrhundert
Über Heinrich Julius Runkwitz, einen beliebten Gefängnisseelsorger, der von 1838 bis zu seinem Tod 1846 auf der Leuchtenburg arbeitete, schrieb der Erzähler Friedrich Störzner 1894:
„Ein Mann mit herrlichen Gaben ausgerüstet, begann er seine schwierige Wirksamkeit unter diesem Wegwurf und Abschaum der menschlichen Gesellschaft. Seine große Milde und Menschlichkeit verschafften ihm halb die Zuneigung und das Vertrauen der Sträflinge. Ja, er fühlte sich unter ihnen so sicher, dass er bei den Andachten im Betsaal die vor der Tür stehenden Wachen abtreten ließ. Niemand wagte zu entrinnen oder sich an ihm zu vergreifen. Auch die Abschaffung der Prügelstrafe bei Ankunft in der Anstalt ist ihm zuzuschreiben. Die größte je dagewesene Zahl von Verbrechern wurde während der Zeit seiner Seelsorge entlassen, die niemals wiederkehrten.“

Von Dorothee Wanzek