12.01.2017

Kunsthaus Apolda widmet sich Christusbild im 20. Jahrhundert

Spurensuche: Der moderne Jesus

Nach der Ausstellung „Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen“  im vergangenen Jahr hat das Kunsthaus Apolda mit „Jesus Reloaded“ wieder ein religiöses Thema für eine Ausstellung ausgewählt. Ein Gespräch mit den Kuratoren Andrea Fromm und Tom Beege.

Von Ihnen als Kuratorenteam weiß man, dass Sie sich stets um das Besondere für Ihre Ausstellungen bemühen. Auf was darf sich der Besucher freuen?

Die Ausstellung ist eine Spurensuche nach der Christusfigur in der Kunst des Impressionismus, der Symbolisten und Expressionisten aber auch von Aktionskunst, Informel, sozialistischer Kunst der damaligen DDR oder amerikanischer Pop-Art. Wir begegnen Künstlern wie Edouard Manet, Lovis Corinth, Marc Chagall, Pablo Picasso, Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Otto Dix, Bernhard Heisig, Fritz Cremer, Josef Beuys und vielen mehr. Dies klingt wie das „Who is Who“ der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. All diese Künstler liefern uns in der Zusammenstellung ein variantenreiches und umfassendes Bild der Christusfigur in den letzten 140 Jahren, das weniger von Glaubensbekenntnissen erzählt, sondern vielmehr von der existenziell-menschlichen und individuellen Auseinandersetzung mit der Figur Christi.
 
Worin lag das Faszinosum der Person des Jesus Christus für die doch recht unterschiedlichen beteiligten Künstler der Moderne?

Als man Mitte des 19. Jahrhunderts begann, Christus als historische Person zu betrachten, öffnete dies für die Künstler Türen für eine entmythologisierte Betrachtungsweise. Die Figur Christi wurde als Mensch betrachtet und diente zunehmend als Identifikationsfigur und Projektionsfläche in existenziellen Leidens- und Lebenssituationen, die sowohl mit der fehlenden Anerkennung als Künstler zu tun hatte als auch den Erfahrungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Jene ließen die Künstler traumatisiert zurück. In den meisten Fällen  stand  keine eigene Glaubensüberzeugung der Künstler hinter ihren Werken, sondern der Zweifel und die Hoffnungslosigkeit, die sie mit der Figur verbanden. Dennoch wurde Christus am Anfang des 20. Jahrhunderts von vielen auch als der neue Mensch betrachtet, der Hoffnung auf eine sich neuorientierende Menschheit gab. Das ist auch heute ein aktuelles Thema mit ungeheuerlicher Brisanz.

Lassen sich in der Ausstellung auch kritische Wandlungen in der Christus-Darstellung etwa nach den beiden Weltkriege nachvollziehen?

Besonders nach den grausamen Materialschlachten des Ersten Weltkrieges zweifelten viele Künstler an der Fähigkeit Christi, den Menschen zu retten. So zeigt Ernst Barlach seinen Christus eher hilflos und machtlos zu Boden gedrückt. Künstler wie  George Grosz  politisierten die Christusfigur und erhoben Anklage gegen die Kirche, die das Morden im Krieg nationalistisch unterstützt hatte. Wieder andere, etwa Max Pechstein, drückten in ihren Christusbildern die Sehnsucht nach einem friedvollen Leben aus, das im starken Kontrast zu den Kriegserfahrungen und den Problemen der Nachkriegszeit standen.
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich das Christusbild im frühen 20. Jahrhundert fast vollkommen von den Glaubensinhalten gelöst hatte und Sinnbild für das Leiden des Menschen, aber auch des kritischen Umgangs mit der Position der Kirche wurde. Auch die Zeit der Nazidiktatur schlug sich im Christusbild nieder. In der „Passion“ gab der Mühlheimer Künstler Otto Pankok seinem Christusbild das Antlitz eines verfolgten Freundes, während dessen  Peiniger die Gesichter von Nazigrößen trugen. Otto Dix wiederum stellte Hitler als „Spötter“ neben einem gekreuzigten Christus dar. Nach dem Krieg versuchten Künstler wie Arnulf Rainer, Georg Baselitz oder Werner Tübke mit dem Christusmotiv Anschluss an künstlerische Traditionen zu finden. Sie verwandten das Christusmotiv als Sujet, das mit einer neuen Formensprache verknüpft war.

Würden Sie  einige Höhepunkte der Exposition nennen?

Dazu gehören zweifelsfrei die frühen Werke von Odilon Redon, Edouard Manet und Lesser Ury, aber auch die Serien und Passionsfolgen von James Ensor, Marc Chagall, Georges Rouault und Otto Dix. Mit Max Slevogt und Lovis Corinth sind auch zwei der großen deutschen Impressionisten vertreten. Max Pechstein und Max Beckmann zeigen auf eindrucksvolle Weise die expressionistische Auffassung des Christusmotivs. Ebenfalls hochinteressant sind die Werke der Nachkriegskünstler, etwa Willi Baumeister, der das Christusbild in einen abstrakten, archaischen Kontext stellt, und die Künstler der Pop- sowie Street-Art, die das Christusbild als variabel einsetzbares Zeichen betrachten, das nur noch indirekt auf die Passionsgeschichte verweist. Überdies gestatten die Werke von George Grosz,  Fritz Cremer und Bernhard Heisig Einblicke in das Potenzial des Christusbildes als politische Aussage.

Interview: Wolfgang Leißling

Die Ausstellung „Jesus reloaded. Das Christusbild im 20. Jahrhundert“ ist im Kunsthaus Apolda (Bahnhofstraße 42) von 15. Januar bis 26. März zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr (auch an Feiertagen). Neben der Ausstellung sind Vorträge (unter anderem von Schirmherrin Landesbischöfin Ilse Junkermann), Diskussionsrunden, Musikbeiträge und bei Bedarf eine Kuratorenführung geplant. Weitere Informationen: www.kunsthausapolda.de