15.03.2017

Kirche und Populismus

Gesprächsfaden nicht reißen lassen

Kann man als Christ die „Alternative für Deutschland“ (AfD) wählen? Wie umgehen mit
zunehmendem Populismus? Die katholischen Bischöfe in Deutschland versuchen, sich eindeutig zu positionieren, ohne gleichzeitig den Gesprächsfaden abreißen zu lassen.

Wenn der symbolische Gesprächsfaden nur noch an einem dünnen Strang hängt, ist Vorsicht geboten, was und wie man etwas sagt. Foto: fotolia

Die Botschaft der Bischöfe ist klar: „Wir distanzieren uns klar vom populistischen Vorgehen und vielen inhaltlichen Haltungen der Partei“, schreiben sie über die AfD. „Wir lehnen eine politische Einseitigkeit ab, die Antworten auf drängende Fragen in einer globalisierten Welt stets so gibt, dass es auf Abschottung und Rückkehr in längst vergangene Zeiten hinausläuft, die vermeintlich Sicherheit gewährleisten“, kommentierte Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Bischofskonferenz, bei der Versammlung der Bischöfe vergangene Woche. Dass man als Christ die AfD nicht wählen könne, kommt ihm aber nicht über die Lippen.


Noch in den 1980er Jahren hatte der damalige Konferenzvorsitzende Kardinal Joseph Höffner die Grünen wegen ihrer Positionen zur Familie und zur Abtreibung für unwählbar für Katholiken erklärt. Diese Zeiten sind vorbei. Wen Katholiken heute wählen, sollen sie bitte schön selbst entscheiden, sagen die Bischöfe. Schließlich ist das Kreuz auf dem Wahlzettel erst einmal keine Glaubensfrage.
Außerdem gibt es auch in katholischen Kreisen viele Anhänger der AfD – unter anderem wegen der Positionen der Partei zur Familie und zur Abtreibung, aber auch wegen ihrer islamkritischen Haltung. Allzu eindeutige Kritik würde sie aus der Kirche treiben, den Gesprächsfaden zerreißen. „Es ist wenig hilfreich, die Wähler der AfD pauschal als Nichtchristen zu verunglimpfen“, sagt denn auch Caritaspräsident Peter Neher. Ein solches Pauschalurteil wäre eine populistische Antwort auf Populismus. Zu einfach, zu allgemein.

 


Ungerechtigkeit bekämpfen, Vorurteilen widersprechen

Die Kirche setzt auf sachlichen und kritischen Dialog. Kardinal Marx warnt vor dem Überschreiten roter Linien: „Ausländerfeindlichkeit, Verunglimpfung anderer Religionsgemeinschaften, die Überhöhung der eigenen Nation, Rassismus, Antisemitismus, Gleichgültigkeit gegenüber der Armut in der Welt, aber auch eine abschätzige oder feindselige Art und Weise miteinander zu reden.“


Gleichzeitig bemühen sich die Bischöfe um Verständnis und fragen: „Woher kommt Populismus?“ Weil Menschen verunsichert sind, Angst haben vor sozialem Abstieg. Weil es allen wirtschaftlichen Erfolgen zum Trotz tatsächlich nicht immer gerecht zugeht in unserer Gesellschaft. So kritisiert Caritaspräsident Neher die ungleiche Vermögensverteilung oder schlechtere Bildungschancen von Kindern aus Nichtakademikerfamilien.


Einerseits Verständnis, andererseits klare Kante: In manchen Bistümern lernen Mitarbeiter, populistischen Reden entgegenzutreten. Außerdem seien etwa in der Flüchtlingsdebatte die hilfsbereiten Menschen immer noch in der deutlichen, wenn auch derzeit nicht ganz so lauten Mehrheit.

Von Ulrich Waschki